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News / 03. July 2009

Studierende und Alumni fordern den sofortigen Rücktritt von Universitäts-Präsidentin Auweter-Kurtz

Raketen-Moni

Offener Brief an
Bürgermeister Ole von Beust,
Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach,
die Fraktionen in der Hamburgischen Bürgerschaft,
den Hochschulrat, das Präsidium, die Dekanate,
den Akademischen Senat, die Fakultätsräte,
die Personalräte der Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen
und des Technischen- und Verwaltungspersonals,
das Studierendenparlament, den AStA und die Fachschaftsräte der Universität Hamburg

Hamburg, den 2. Juli 2009

Aufruf für die Demokratisierung der Hochschulen in Hamburg

Studierende und Alumni fordern den sofortigen Rücktritt von Universitäts-Präsidentin Auweter-Kurtz

Sehr geehrte Damen und Herren,

die öffentlichen Auseinandersetzungen an der Universität Hamburg zeigen deutlich, dass die Hamburger Hochschulen dringend demokratisiert werden müssen, damit die Hochschulmitglieder an den Diskussions- und Entscheidungsprozessen, die Forschung und Lehre betreffen, partizipieren können.

Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie können nur garantiert werden, wenn die Hochschulen selber demokratisch verfasst sind. Die Wissenschaftsfreiheit ist ein Abwehrrecht der Hochschulmitglieder gegen staatliche Direktiven und gegen die Profitinteressen von Konzernen, die zunehmend direkten Einfluss auf Forschung und Lehre nehmen. Die Wissenschaftsfreiheit gilt es genauso zu verteidigen, wie die konkrete Utopie einer offenen, demokratischen und autonomen Hochschule, die Bildung und Forschung für alle Menschen ermöglicht.

Eine demokratische Gesellschaft braucht demokratisierte Hochschulen, die in Freiheit Forschung und Lehre betreiben. In dieser souveränen Position können die Hochschulen einen besonderen Beitrag leisten, um die gesellschaftlichen Probleme und Zukunftsfragen, wie Armut, Krieg und Klimakatastrophe wissenschaftlich zu untersuchen und Strategien zu ihrer Überwindung zu entwickeln.

Eine Universität, die mit autoritären Managementkonzepten wie ein Wirtschaftskonzern geführt wird, wird immer auf den Widerspruch und Widerstand ihrer Mitglieder treffen. Das akademische Milieu, die ProfessorInnen, Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, Studierenden und das Verwaltungspersonal lassen sich nicht gerne bevormunden.

Die autoritären Strukturen des „Hochschulmodernisierungsgesetzes“, das der Präsidentin eine monokratische Machtfülle in der Universität garantiert und andererseits für die demokratisch gewählten Mitgliedern der Akademischen Gremien nur Ohnmacht und Resignation übrig lässt, spiegeln die Herrschaftsverhältnisse im Absolutismus wider und nicht die Prinzipien einer demokratischen Grundordnung.
Derzeit entscheiden Präsidium und Hochschulrat, in dem Konzern- und Bankmanager sitzen, über die Struktur- und Entwicklungsplanung der Universität Hamburg. Der Akademische Senat ist zu einem zahnlose Papiertiger degradiert worden, der nur noch Empfehlungen zur Zukunft der Universität beschließen darf, die von Präsidium und Hochschulrat in aller Höflichkeit entgegengenommen werden.

Die autoritäre Geschäfts-Führer-Universität ist gefährlich: sie ist ein massiver Rückschritt gegenüber der demokratisierten Gruppenhochschule, die die Ordinarienuniversität abgelöst hatte. In der demokratisierten Gruppenhochschule haben die Mitglieder in der Akademischen Selbstverwaltung erfolgreiche Reformen in Studium und Lehre durchgeführt sowie herausragende und gesellschaftlich sinnvolle Forschungen initiiert und unterstützt. Die antidemokratischen Strukturen der Geschäfts-Führer Universität hingegen weisen auffällige Parallelen zur Hochschulstruktur im Nationalsozialismus auf.

Das „Hochschulmodernisierungsgesetz“ wurde von Wissenschaftssenator Jörg Dräger in einer Regierungskoalition von CDU, Schill-Partei und FDP gemeinsam mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE- der Bertelsmann Stiftung) konzipiert. Das Leitbild des Gesetzes wurde von der Kommission für eine „Hochschulstrukturreform“ entworfen, dessen Vorsitzender Klaus von Dohnanyi (SPD), die Zerschlagung der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (HWP), die Zerstörung der Akademischen Selbstverwaltung, die Einführung von Bachelor-Master-Studiengängen und die Einführung von Studiengebühren verkündete. Zu diesen Vorschlägen klatschte auch Wilfried Meier von der GAL öffentlich Beifall.

Die aktuellen Probleme an der Universität Hamburg und die historischen Erfahrungen sollten jetzt Grund genug sein, die gescheiterte „Hochschulstrukturreform“ in Hamburg zu revidieren und die Hochschulen wieder zu demokratisieren. Das heißt keineswegs, dass ein zurück zur ständedemokratische Struktur der Gruppenhochschule wünschenswert wäre, in der die Gruppe der ProfessorInnen in den Gremien überrepräsentiert war. Zu fordern ist vielmehr einer weitergehende Hochschulreform, in der die wesentlichen Entscheidungen über Studium, Lehre und Forschung in den demokratisch gewählten Gremien der Akademischen Selbstverwaltung getroffen werden, in denen ProfessorInnen, Wissenschaftliche MitarbeiterInnen, Studierende und Verwaltungspersonal paritätisch vertreten sind und in denen die kollegialen Leitungsorgane von den Gremien effektiv kontrolliert werden können.

Die Studierenden haben innerhalb und außerhalb der Verfassten Studierendenschaften und der Akademischen Selbstverwaltung nicht nur gegen das „Hochschulmodernisierungsgesetz“, das „Fakultätengesetz“ und das Gesetz zur Zwangsfusion der HWP mit der Universität gekämpft, sondern auch das Auswahlverfahren und die Wahl von Prof. Monika Auweter-Kurtz zur Präsidentin der Universität durch den Hochschulrat scharf kritisiert.

Prof. Monika Auweter-Kurtz hat an der Universität Stuttgart Raketenforschung betrieben und ist nach wie vor Leiterin des „Steinbeis-Transferzentrums für Plasma- und Raumfahrttechnologie“. Projektpartner ihres Technologietransferzentrums ist der Rüstungskonzern „Bayern-Chemie Protac“, der „luftatmende Strahltriebwerke“ für den Antrieb der Meteor-Gefechtsrakete herstellt. Diese lenkbaren Luft-Luft-Raketen sind die Hauptbewaffnung des 85 Millionen Euro teuren Jagdflugzeugs „Eurofighter Typhoon“. Das Forschungsinstitut von Auweter-Kurtz hat für diesen Rüstungskonzern Brennkammermaterialien getestet, die in den todbringenden Gefechtsraketen eingesetzt werden.
Die Stuttgarter Zeitung zitierte Auweter-Kurtz nach ihrem Amtsantritt als Professorin an der Universität folgendermaßen: „Von der Zusammenarbeit mit der US-Raumfahrtbehörde NASA und der US Air Force hat sie keine Hemmungen. Wissenschaft und Militärforschung könne man nun mal nicht von einander trennen.“

Nach dem „Hochschulmodernisierungsgesetz“ wurde eine Findungskommission von Hochschulrat und Hochschulsenat eingesetzt, die von Prof. Klaus Landfried (Präsident der Hochschulrektorenkonferenz a.D.) und einer Headhunter-Agentur aus Basel, der „Sozietät für Unternehmensplanung“ (SUP), beraten wurde. Auf der Homepage der SUP hieß es damals: „Die Goldfische der einzelnen Märkte werden von SUP systematisch und frühzeitig entdeckt und für ihren weiteren Führungsweg analysiert, beraten und in behutsamer professioneller Weise gecoacht, sozusagen feinjustiert. Den Kandidaten bringt das entgegengebrachte Vertrauen das nötige Selbstbewusstsein, um in künftigen Führungspositionen Höchstleistungen zu erbringen.“

Die Resultate der „Höchstleistungen“ von Auweter-Kurtz haben zu öffentlichen Auseinandersetzungen und Widerstand gegen den Führungsstil und die hochschulpolitischen Ziele von „Raketen-Moni“ geführt:
die Strafanzeigen wegen „Hausfriedensbruch“ gegen Studierende, die an ihrer Inaugurationsfeier im Audimax teilgenommen hatten die fristlose Kündigung einer Historikerin, die sich gegenüber Monitor kritisch über die Arbeitsbedingungen an der Universität geäußert hatte, der „Maulkorberlass“ für ProfessorInnen, Wissenschaftliche MitarbeiterInnen, Studierende und das Technische- und Verwaltungsperonal, die sich als Mitglieder der Akademischen Gremien nicht mehr an die Öffentlichkeit wenden sollten, das Abendblatt-Interview, in dem sie erklärte, dass der „Raketentechniker und Raumfahrtvisionär“ Wernher von Braun ihr Vorbild gewesen sei und dabei verschwieg, dass dieser Mitglied der NSDAP und Sturmbandführer der SS war sowie für die Fabrikation von V2-Raketen Häftlinge im KZ Buchenwald als Zwangsarbeiter aussuchte, die Ablehnung der Bestätigung des vom Fakultätsrat Geisteswissenschaften einstimmig gewählten Dekans, Herrn Prof. Gutmann, ohne Nennung von Gründen, die selbstherrliche Änderung des Struktur- und Entwicklungsplans der Universität. Die Hochschulpolitik von Auweter-Kurtz ist gekennzeichnet von der Missachtung der Mitbestimmungsrechte von Hochschulmitgliedern in der Akademischen Selbstverwaltung, einem autoritärer Führungsstil gegenüber Dekanaten und der Verwaltung, der Befürwortung von Bachelor-Master-Studiengängen, mit restriktiven Zugangsmöglichkeiten und einer bewussten Verknappung von Studienplätzen, der Befürwortung von Studiengebühren und einer erklärten „Feindschaft“ gegenüber den Hochschulreformen der 68er und der Demokratisierungsbewegung.

Seit Monaten verhindert Auweter-Kurtz, dass die „Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte“, die 1993 offiziell eröffnet wurde und sich im Hauptgebäude der Universität befindet, eigenständig weitergeführt wird und eine Nachfolge für den renommierten Historiker Eckard Krause gefunden wird. Mit der Begründung, die Geschichte der Universität sei hinreichend erforscht worden, wollte Auweter-Kurtz die Bibliothek in ihre Pressestelle integrieren. Zu vermuten ist, dass sie auch noch die Publikationen dieser wissenschaftlichen Forschungsstelle „autorisieren“ wollte.

Zu hoffen ist, dass Auweter-Kurtz jetzt selbst Universitätsgeschichte wird. Ein Aktenordner in der Bibliothek für Universitätsgeschichte ist ihr bereits sicher.

Für die Zukunft der Universität Hamburg wünschen wir uns, dass die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse kooperativ und kollegial verlaufen, damit sich Forschung und Lehre an der Universität frei entfalten können. Voraussetzung für eine kooperative Entwicklung der Universität ist allerdings ihre Demokratisierung als Institution.

Deshalb fordern wir den sofortigen Rücktritt der Präsidentin Auweter-Kurtz und die Demokratisierung der Hochschulen in Hamburg.

Mit freundlichen Grüßen

Die InitiatorInnen des offenen Briefs
der Studierenden und Alumni der Universität Hamburg

Janna Schumacher (ehem. AStA-Vorsitzende, Alumni, GEW Hamburg)
Florian Kasiske (ehem. AStA-Vorsitzender, Mitglied des Studierendenparlaments REGENBOGEN-Alternative Linke)
Astrid Henning (ehem. AStA-Mitglied, Alumni)
Fredrik Dehnert (ehem. AStA- und AS-Mitglied, Sprecher des Bundesausschusses der Studierenden der GEW)
Hanno Willkomm (ehem. AStA-Mitglied, REGENBOGEN-Alternative Linke, Alumni)
Bela Rogalla (ehem. AStA der HWP und Mitglied des Akademischen Senats der Universität Hamburg, Alumni)
Christian Galati (GEW-Studierendengruppe Hamburg)
Florian Wilde (Mitglied im Bundesvorstand DIE LINKE.SDS)

einzig meinem Wissensdurst nachzugehen und mich nicht in einen Studiengang zwingen zu lassen, der nichts wollte als den Studenten in möglichst kurzer Zeit möglichst gründlich für einen Brotberuf zu spezialisieren und jene Ahnung von Freiheit und Universalität in ihm abzutöten.
(Hermann Hesse)